Grundlagen der Schüttgutmechanik
Ein Schüttgut liegt zwischen Flüssigkeit und Festkörper: Es überträgt kleine Zugspannungen, im Ruhezustand Druck- und Schubspannungen und fließt, wenn die Schubspannungen ausreichend groß werden.
Hier sind die Begriffe erklärt, mit denen Fließort, Fließfähigkeit und Silolasten beschrieben werden – vom Kontinuum bis zum Mohrschen Spannungskreis.
Spannungen und Fließen im Schüttgut
Schüttgut als Kontinuum
Ein Schüttgut setzt sich aus vielen uneinheitlichen Partikeln zusammen. Für die Schüttgutcharakterisierung wird dieses Haufwerk als Kontinuum betrachtet, um Aussagen über das Verhalten des gesamten Schüttguts zu machen und nicht über einzelne Partikel. Viele Einflussgrößen wirken dabei zusammen: Feuchte, Temperatur, Partikelgröße und -form, Oberflächenstruktur, mechanische Eigenschaften wie elastisches, viskoelastisches, plastisches oder sprödes Verhalten, die chemische Zusammensetzung, Gravitationskräfte sowie interpartikuläre Kräfte wie elektrostatische und Van-der-Waals-Kräfte.
Fließgrenze und Verfestigung
Unter Spannung verformen sich die Partikel zunächst elastisch und reversibel; das Schüttgut überträgt dabei Kräfte, ohne dass sich die Partikel gegeneinander bewegen. Überschreiten die Spannungen eine Grenzspannung, beginnen sich die Partikel relativ zueinander zu bewegen – das Schüttgut wird plastisch verformt, es fließt.
Der Widerstand gegen dieses Fließen hängt wesentlich von der Packungsdichte und damit von der Vorverdichtung (Konsolidierung) ab. Ein Schüttgut hat deshalb eine vom Spannungszustand abhängige Fließgrenze, und es behält eine einmal erreichte Packung nach Wegnahme der Last weitgehend bei. Es überträgt kleine Zugspannungen, im Ruhezustand Druck- und Schubspannungen und fließt, wenn die Schubspannungen ausreichend groß werden.
Normal- und Schubspannungen
Eine Kraft F an einer Begrenzungsfläche A eines Volumenelements lässt sich aufteilen in die Normalkraft FN senkrecht zur Fläche und die Schubkraft FS parallel zur Fläche. Bezogen auf die Fläche ergeben sich die Normalspannung σ = FN / A und die Schubspannung τ = FS / A. Die Schubspannungen sind für die Relativbewegung der Partikel, also für das Fließen, verantwortlich. Druckspannungen werden in der Schüttgutmechanik – anders als in der klassischen Mechanik – als positiv definiert.
Horizontallastverhältnis
Eine Last auf ein Schüttgut wird über die Partikelkontakte richtungsabhängig unterschiedlich stark weitergegeben. Auf eine vertikale Druckspannung stellt sich deshalb eine kleinere horizontale Spannung ein. Das Verhältnis λ = σh / σv ist das Horizontallastverhältnis (in DIN EN 1991-4: K).
Zwei Grenzfälle verdeutlichen den Bereich: In einer idealen Flüssigkeit treten keine Schubspannungen auf, der Druck breitet sich in alle Richtungen gleich aus (λ = 1). Ein ideal steifer Festkörper überträgt Spannungen beliebiger Größe, ohne zu fließen (λ = 0). Ein Schüttgut liegt dazwischen (0 < λ < 1) – im fluidisierten Zustand nähert es sich dem Verhalten einer Flüssigkeit.
Hauptspannungen
Wird ein Volumenelement so geschnitten, dass an seinen Begrenzungsflächen keine Schubspannungen wirken, sind die Normalspannungen dort die Hauptspannungen. Für die Schüttguttechnik genügen die größte Hauptspannung σ1 und die kleinste Hauptspannung σ2 (ebener Spannungszustand). In gegenüber den Hauptspannungsebenen gedrehten Schnitten treten dagegen Normal- und Schubspannungen gleichzeitig auf.
Der Mohrsche Spannungskreis
Der Mohrsche Spannungskreis stellt die Normal- und Schubspannungen in allen Schnittebenen eines Volumenelements grafisch dar. Er schneidet die σ-Achse bei den Hauptspannungen σ2 und σ1, wo die Schubspannung verschwindet, und ist durch diese beiden Werte vollständig beschrieben. Er ist das wichtigste Hilfsmittel zur Veranschaulichung und Auswertung in der Schüttgutmechanik.
Mit steigender Verfestigungsspannung σ1 wächst der Kreis, und σ2 verschiebt sich über das Horizontallastverhältnis entsprechend. Tangiert ein Spannungskreis den Fließort, ist das Schüttgut im Begriff zu fließen; Spannungszustände unterhalb des Fließortes sind stabil, solche oberhalb physikalisch nicht möglich. Die größte Hauptspannung σ1 des Kreises, der den Fließort im Anscherpunkt tangiert, bewirkt die Verfestigung des Schüttguts und dient als Bezugsgröße für die Schüttgutfunktionen.
Ein Spannungskreis durch σ = 0, der den Fließort tangiert, liefert die Druckfestigkeit σc des verfestigten Schüttguts. Das Verhältnis ffc = σ1 / σc beschreibt die Fließfähigkeit; die Druckfestigkeit ist zugleich die Grundlage für die Bewertung der Brückenbildung im Silo.
Schergeräte in der Schüttguttechnik
Schergeräte stammen aus der Bodenmechanik, wo sie zur Bestimmung der Scherfestigkeit von Böden dienen. A. W. Jenike übertrug diese Grundlagen auf die Schüttgüter der Verfahrenstechnik und leitete daraus Stoffgrößen für die Auslegung von Silos mit störungsfreiem Austrag ab. Seitdem lässt sich das verfahrenstechnisch relevante Verhalten von Schüttgütern aus Schertests vorhersagen.
Was sich aus der Fließfähigkeit ableiten lässt
Die gemessenen Kennwerte beantworten unterschiedliche Fragestellungen – vom Vergleich zweier Chargen bis zur Bemessung des Silos.
| Fragestellung | Benötigte Kennwerte |
|---|---|
| Schüttgüter, Chargen und Rezepturen vergleichen | ffc, FLR und FLA bei gleicher Konsolidierungsspannung |
| Brückenbildung am Auslauf | Fließfunktion σc(σ1), effektiver Reibungswinkel φe, Wandreibung, Dichte |
| Schachtbildung im Kernfluss | Fließfunktion, Winkel der inneren Reibung φi, effektiver Reibungswinkel φe, Dichte |
| Massenfluss oder Kernfluss | effektiver Reibungswinkel φe, Wandreibung auf dem Trichtermaterial |
| Silolasten nach DIN EN 1991-4 | φe, K, Wandreibungskoeffizient μ, Schüttgutwichte γ, Kohäsion |
| Fließverhalten nach Lagerzeit | Zeitfließorte, Zeitfließfunktion σc,t(σ1), Wandreibung nach Lagerzeit |
| Einfluss der Feuchte | Fließort und Wandreibung bei unterschiedlicher Feuchte |
| Ursache eines Siloproblems | je nach Symptom – vom Fließort bis zur Wandreibung |
Häufige Fragen zur Fließfähigkeit
- Wozu dient der Mohrsche Spannungskreis?
- Er stellt die Normal- und Schubspannungen aller Schnittebenen eines Volumenelements dar und ist durch die größte und kleinste Hauptspannung σ1 und σ2 vollständig beschrieben. Tangiert er den Fließort, beginnt das Schüttgut zu fließen – daraus ergeben sich Verfestigungsspannung, Druckfestigkeit und Fließfähigkeit.
- Wie wird die Fließfähigkeit eines Schüttguts gemessen?
- Aussagekräftig ist die Messung im Schergerät: Der Fließort zeigt, bei welchen Spannungen das verfestigte Schüttgut zu fließen beginnt. Daraus ergeben sich innere Reibung, Kohäsion, Druckfestigkeit und der Fließfähigkeitsfaktor ffc. Einfache Verfahren am losen Schüttgut wie der Schüttwinkel geben nur einen Hinweis.
- Warum reicht eine Messung am losen Schüttgut nicht aus?
- Bei kohäsiven Schüttgütern hängt das Fließverhalten von der Verfestigung und der Vorgeschichte ab – auch der Böschungswinkel kann je nach Vorbelastung verschiedene Werte annehmen. Messungen bei oder nahe der Schüttdichte ρb0 lassen deshalb keine Rückschlüsse auf das Lager- und Fließverhalten unter Last zu.
Schüttgut messen lassen
Beschreiben Sie uns Ihr Schüttgut und Ihre Fragestellung – wir wählen die passenden Messungen und erstellen Ihnen ein unverbindliches Angebot.
- Fließort, Fließfähigkeit ffc und Fließfunktion
- Wandreibung, Dichte, Zeitverfestigung und Feuchte nach Bedarf
- Ergebnisse online im Kundenportal und als Prüfbericht